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Geschichte / Mühlen
Eine kurze Geschichte der Herrenmühle in Neukirchen


In einer sogenannten "Kirchengalerie" von 1840 werden für Neukirchen 4 Mühlen angegeben:
Die Herrenmühle, am von der Würschnitz abzweigenden Mühlgraben gelegen.
Das ist die hier in der Folge vorzustellende ehemalige Getreidemühle, Mühlenstraße 18

Blick auf die Herrenmühle von der Bahnhofstraße aus
Die Kunz-Mühle, auch Obere Mühle genannt, Hauptstraße 55. Wasserzufluss über einen vom Dorfbach abzweigenden Mühlgraben. Als Besitzer wird für das 20.Jahrhundert die Familie Oesterreich genannt. Für 1921 wird erwähnt, dass die Mühle noch für den Eigenbedarf betrieben wird, offenbar als Getreidemühle. Es soll auch Öl gemahlen worden sein. Außerdem hat man möglicherweise auch Holz geschnitten. Der heutige Besitzer hat keine Unterlagen zur Mühle. Es gab aber nach seiner Kenntnis eine Bäckerei an der Mühle.

Heutige Ansicht des Dreiseithofes der ehemaligen Kunz-Mühle
Die Mühle, Hauptstraße 11. Wasserzufluss nach der Kunz-Mühle ebenfalls aus dem selben Mühlgraben. Diese als Ölmühle erwähnte Mühle wurde wahrscheinlich bis 1905 betrieben. Mühlenbesitzer ist 1825 Georg Friedrich Klemm, später wird der Name Langhoff genannt. Nach der Mühlenstillegung und der Mühlgrabenverfüllung betreiben Priebusch und Thielecke hier eine Zementwarenfabrik. Diese Mühle wurde auch als Niedermühle bezeichnet. Dieser Name wird aber auf einigen alten Lageplänen auch manchmal für die Herrenmühle verwendet.

Heutige Ansicht der ehemaligen Mühle an der Hauptstraße 11
Eine vierte Mühle in der Neukirchener Sorge, Sorgestr. 17/19. Wasserzufluss aus einem Mühlgraben, der auch von der Würschnitz gespeist wurde.
Diese Mühle war eine Sägemühle, möglicherweise auf Zeit auch eine Knochenmühle.

Gebäudekomplex der ehemaligen Sägemühle in der Sorgestraße
Die Herrenmühle ist mit einiger Sicherheit die älteste der vier vorgenannten Mühlen.
Man muss allerdings voranstellen, dass wenige Geschichtsquellen zur Herrenmühle vorhanden sind. Die dünnen Geschichtsbelege sind meist aus sekundären Schriften entnommen, die sich nicht hauptsächlich mit der Mühle beschäftigten.
Glaubhaft ist der Altershinweis in einer Veröffentlichung aus dem 19. oder 20.Jahrhundert. Darin wird ein Text mit den Worten:
"Im demselben Jahre 1574 hatte man auch von Amts wegen die Neukirchner Mühle, welche 3 Mahlgänge und einen Schneidegang enthielt und zu der ein Gärtchen gehörte, auf 3 Jahre verpachtet. Der Pächter, ein Hans Claus, hatte dafür 52 fl (Gulden) in 2 Terminen zu zahlen."
zitiert.
Hier können zwei Schlüsse gezogen werden. Erst einmal gab es 1574 die Herrenmühle. Wahrscheinlich nicht, wie noch in der Folge erklärt wird, in der heute überkommenen Form. Und die Verpachtung erklärt sich mit der Zugehörigkeit der Mühle zum Rittergut Neukirchen (jetzt Wasserschloss Klaffenbach), das als selbständiger Gutsbezirk ein eigenes Amt repräsentierte. Noch eine zweite Mühle an der Würschnitz gehörte nach alten Veröffentlichungen zum Rittergut. Das war das an der unteren Ortszufahrt Klaffenbach gelegene als Mahl- und Schneidemühle titulierte und sicherlich bis heute mehrfach umgebaute jetzt noch vorhandene Gebäude. Diese Mühle wurde vom Rittergut bereits 1754 verkauft.
In der Herrenmühle wurde 1574 also offenbar Getreide gemahlen und es wurde Holz gesägt. Zur Größe und dem Aussehen dieser alten Herrenmühle gibt keine weiteren Aussagen und auch keine Bilder oder Zeichnungen. Auch ob der Mühlgraben im jetzt noch sichtbaren Verlauf ein Mühlrad antrieb, ist nicht belegt.
Das Attribut alte deswegen, weil das Gebäude 1774 niederbrannte. Es muss ein Totalschaden gewesen sein, denn man spricht von einem Wiederaufbau der Mühle. Der wurde 1776 abgeschlossen, belegt durch den heute noch sichtbaren Schlussstein über dem Mühleneingang.

Schlussstein über Eingang Mühlengebäude
Der Dreiseithof wie auf dem weiter unten fotografierten Gemälde entstand allerdings erst später im 19.Jahrhundert
Eine wahrscheinlich beim Mühlenneubau angebrachte Holzfigur eines Müllers ist überliefert und war auch bis in die sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts in der Mühle. Sie zeigte einen Müller in blauer Jacke mit goldenen Knöpfen, Dreispitz, weißem Hemd und weißen Strümpfen, mit Schnallenschuhen und schwarzer Kniehose. Die Figur war nicht nur ein Schmuckelement sondern fungierte auch als Signalelement. War der Schütttrichter zum Mahlstuhl leer, rief eine Glocke in seiner Hand den Müller zum Nachfüllen auf. Der spätere Besitzer Rudi Franke hat diese zu seiner Amtszeit technologisch nicht mehr erforderliche Schmuckfigur in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts leider an das damalige Heimatmuseum Limbach-Oberfrohna übergeben. Dort ist sie nicht mehr auffindbar.
Das hier eingesetzte Foto ist eine Kopie einer Zeitungskopie. Deshalb die schlechte Qualität

Die Mühlenfigur
Die Herrenmühle gehörte bis 1809 zum Rittergut. Dann wurde sie mit dem dazu gehörenden Grund und Boden an Christian Friedrich Gränitz verkauft. Und der Käufer erwarb das Recht, im Mühlgraben zu fischen, ein damals hohes und ertragreiches Privileg. Sicher wird Gränitz auch das Wasserrecht für den Mühlgraben und die Ableitung aus der Würschnitz erworben haben.

Fotografie eines Gemäldes der Anlage Herrenmühle
Die schon oben erwähnte Kirchengalerie von 1840 berichtet auch über die damalige Nutzung der Herrenmühle:
"....Fabriken waren sonst nicht vorhanden (im Ort Neukirchen, d.Verf.)., doch befindet sich jetzt in der größten Mühle des Orts, welche vom Wasser der Würschnitz (über den Mühlgraben,d.Verf.) getrieben wird, eine Baumwollspinnmaschine.....".
Das bedeutet wohl, dass 1840 hier nicht nur Getreide gemahlen wurde, sondern auch Baumwolle versponnen wurde. Die Herrenmühle war also Lebensmittelproduzent und zugleich Vorreiter der Industrialisierung in Neukirchen.
1853 wieder einmal eine der seltenen gefundenen schriftlichen Erwähnungen der Herrenmühle:
"...Unterwärts am rechten Ufer der Würschnitz liegen die Rittergutsgebäude nebst zwei Mühlen in einer höchst anmuthigen Aue....", also die Herrenmühle und die Mühle am Ortseingang Klaffenbach.
Über die technische Ausrüstung für den Mühlenbetrieb ist aus dieser Zeit des 18. und 19.Jahrhunderts nichts überliefert. Sicher ist der Antrieb der Mühlentechnik mit einem Wasserrad im Mühlgraben, das dann 1917 durch eine Wasserturbine ersetzt wurde. Und es wird einen Mahlgang.

Herrenmühle im Winter, wahrscheinlich aus den 50-ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
mit Mühlensteinen gegeben haben. Der mit der jetzigen in der stillgelegten Mühle vorhandenen Ausrüstung schon übliche durchgehende Mühlbetrieb war zu dieser Zeit noch nicht möglich.
Von 1809 bis 1936 ist die Herrenmühle im Besitz der Familie Gränitz. Es kann beim gegenwärtigen Arbeitsstand kein Müllerstammbaum Gränitz gezeigt werden, aber vier Gränitz-Generationen werden wohl für Neukirchen und sicher auch darüber hinaus Getreide gemahlen haben.
Wenig ist über den damaligen Betrieb der Gesamtanlage überliefert. 1912 zum Beispiel wird der Müller Gränitz von der Gemeinde mit der Schlämmung (Reinigung) des Mühlgrabens beauftragt. Dafür werden ihm wegen der vom einmündenden Dorfbach eingebrachten Schmutzstoffe Gemeindearbeiter kostenlos zur Verfügung gestellt. Ein Entgegenkommen, auf das sich Gränitz auch später als Forderung bezieht.

Zulauf des Mühlgrabens
Im Jahre 1913 bekundet die Gemeinde Neukirchen sogar ein Interesse am Kauf der Mühle. Anlass war das Vorhaben, den Dorfbachverlauf zu regulieren. Gränitz ist zu einer Veräußerung für 58.000 Goldmark bereit. Dieser Handel kam aber nie zustande.
1921 wurde sehr wahrscheinlich parallel zum Wasserantrieb eine Dampfkesselanlage eingebaut. Es gibt dazu keine Aufzeichnungen bis auf eine vom Sächsischen Dampfkessel-Überwachungs-Verein geprüfte Bauzeichnung und den noch sichtbaren Rest des Schornsteinfundamentes. Zum Betrieb der Anlage und dem späteren Rückbau der Anlage sind keine Aufzeichnungen vorhanden.
1936 erwirbt Arno Franke die Mühle mit allem Inventar und das dazu gehörende Grundstück mit dem Wohngebäude und der Stallung sowie das Wasserrecht für den Mühlgrabenbetrieb. Er schafft 1938 die Möglichkeit der Umstellung von der Wasserkraft auf den elektromotorischen Antrieb.
Elf Jahre später, 1947, übergibt er an seinen Sohn Rudi die Mühle. Er wird noch vielen Neukirch-nern als der letzte Müllermeister der Herrenmühle in Erinnerung sein.
Rudi Franke hat die Mühle bei natürlich laufenden Erneuerungen mit der jetzt noch zu besich-tigenden Technik betrieben. Für Vorführungen könnte aber auch heute noch auf den Wasserantrieb mit der eingebauten Wasserturbine (Francis-Turbine) umgestellt werden.
1952 plante Franke bauliche Veränderungen an der Mühle, die den Denkmalschutz auf den Plan rufen. Die Veränderungen waren für den Erhalt des Gebäudes erforderlich. Wegen des damals schon oder noch vorherrschenden allgemeinen Mangels in der DDR war eine historische Sanierung des Fachwerks nicht möglich. Es ist nicht genau belegt, wann das Fachwerk durch verputzte Ziegelmauern ersetzt wurde. Der der Mühlenstraße zugewandte nördliche Teil des Mühlengebäudes bot noch, wie auf dem Titelblatt zu sehen ist, zumindest bis in die Mitte der sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts noch eine Fachwerkfassade. Kreisdenkmalpfleger Karl Fritzsching konnte wie in der DDR üblich auch nur den Mangel feststellen, helfen konnte er Herrn Franke nicht.

Ablauf des Mühlgrabens
Die Nebengebäude der Mühle wurden nach 1945 um- und ausgebaut. Auch hier konnte das schöne Fachwerk nicht erhalten werden.
Bis 1991 wird in der Herrenmühle Getreide gemahlen und geschrotet. Danach wird bis zum Hochwasser 2002, das auch die Mühle in Mitleidenschaft zog, nur noch bedarfsweise gearbeitet.
2002 wird nach wie dargestellt wahrscheinlich über 400 Jahren Mühlenbetrieb am Standort Herrenmühle die Anlage stillgelegt.
In der Herrenmühle sind heute, im Regelfall noch funktionstüchtig, zu besichtigen:
- Der Mühlbachzulauf mit einem Rechen, einem Zulaufschütz und der Regelung für den Zulauf zur Wasserturbine
- Das Antriebssystem für die Anlagenteile der Mühle. Über ein Flachriemensystem, das über eine Turbine mit der Wasserkraft aus dem Mühlbach, oder wie in den letzten Betriebsjahren üblich, von einem Elektromotor angetrieben wurde, können auch heute noch alle Anlagenteile über vier Stockwerke bewegt werden.
- Ein Lastenaufzug vom Erdgeschoss bis ins oberste Stockwerk
- Ein Rödler zum Transport des Getreides
- Ein Staubzylinder, auch Schrollenzylinder, zur ersten Getreidereinigung
- Ein Getreidereiniger (Aspirateur): zur Reinigung nach unterschiedlichem Gewicht und Größe
- Ein Getreidereiniger mit Aspirateur und Trieur, der Fremdstoffe durch die unterschiedliche Größe aussondert
- Eine Schälmaschine zum Abschälen der Spitzen und der Kernschale des Korns
- Eine Bürstmaschine zum Entfernen der Verunreinigen nach dem Schälen. Sie war aber nach Ausage des jetzigen Besitzers nie in Betrieb.
- Eine Grießputzmaschine zum Auslesen von gleich großen Grießteilchen.
- Ein Mahlgang in einer hölzernen Bütte zum Zermahlen des Getreides. Die Mühlsteine sind allerdings nicht mehr gebrauchsfähig. Der für das Einsetzen erforderliche Steinkran ist aber noch vorhanden
- Drei Walzenstühle oder Mahlstühle zum Zermahlen des Getreides
- Ein Schroter/Schrotstuhl zum Getreidemahlen bis zur Schrotqualität
- Eine Hammermühle zum Herstellen von Getreideschrot
- Ein Sichter (Plansichter), der das vom Walzenstuhl gelieferte Gemisch aus Mehl, Dunst, Grieß und Schrot nach den Fraktionen trennt
- Einschüttwanne für Getreide zum Weitertransport durch die Elevatoren
- Elevatoren als Transportmittel für das Mahlgut innerhalb der Mühle. Sie sind sozusagen die Fahrstühle für das Mahlgut
- Ein Mehlmischer vertikal, der das Mehl aus den nacheinander folgenden Mahlgängen zu einer Charge vermischt mit Einsackvorrichtung.
- Ein Mehlmischer horizontal zum gleichen Zweck.
- Ein Behälter zum Speichern von Getreide für das Mahlen
- Durchgangswaagen mit automatischer Kippvorrichtung zum Befüllen der Zulaufbehälter
- Eine Sackausklopfmaschine zur Reinigung der Mehlsäcke
- Ein Lüfterschrank für das Ansaugen und die Entstaubung der Mühlenluft
- Filterschläuche (Schlauchfilter) ebenfalls zur Entstaubung der Abluft vom Aspirateur und von der Hammermühle. Mit einem flachen Schlägel werden die Staubpartikel abgeschlagen
- Eine Ansaugvorrichtung der Abluft Hammermühle
- Eine Anlage zum Beizen von Getreide in einem abgetrennten Raum
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Diese ganz kurze Anreihung von überkommenen Daten der alten Neukirchner Herrenmühle soll ein Anfang sein, die Geschichte dieser Mühle weiter aufzuarbeiten. Der große Zuspruch , den die Mühle bei ihrer ersten Öffnung seit Jahren beim Deutschen Mühlentag 2008 fand, zeigt doch ein großes öffentliches Interesse für dieses technische Denkmal. Vielleicht kann Dieser und Jener aus der Erinnerung oder mit Dokumenten das Geschichtsbild der Herrenmühle erweitern.
Sehr interessiert ist der Heimat- und Geschichtsverein Neukirchen auch an Geschichten und Unterlagen zu den drei anderen oben genannten ehemaligen Neukirchener Mühlen.

Lage der Herrenmühle in Neukirchen, Mühlenstraße 18
Autor:
Dietmar Sommerfeld
Am Wasserwerk 2
09221 Neukirchen
Arbeitsstand Juni 2008
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